Wein aus Griechenland
Griechenland gehört zu den ältesten Weinbauländern der Welt und besitzt mit rund 300 heimischen Rebsorten eine erstaunliche Vielfalt. Zwischen gebirgigem Festland, mediterranen Küsten und Inseln wie Samos oder Santorin entstehen heute Weine mit ausgesprochen eigenständigem Charakter – von frischem Assyrtiko und aromatischen Weißweinen über würzige Rotweine bis zu Retsina und traditionellen Süßweinen. Mehr lesen
Griechischer Wein – eine jahrtausendealte Weinkultur erfindet sich neu
Griechenland gehört zu den ältesten Weinbauländern der Welt. Bereits in der Antike war Wein fester Bestandteil der griechischen Kultur und wurde über das Mittelmeer gehandelt. Griechische Siedler brachten Reben und Wissen über den Weinbau nach Süditalien, Frankreich und in andere Teile des Mittelmeerraums. Damit gehört Griechenland zu den Ländern, die die europäische Weinkultur entscheidend mitgeprägt haben.
Die heutige Bedeutung griechischen Weins steht dazu beinahe im Kontrast. Außerhalb des Landes verbinden viele Menschen Griechenland noch immer hauptsächlich mit Retsina. Dabei besitzt das Land eine der spannendsten Rebsortenlandschaften Europas: Rund 300 heimische Rebsorten sind bekannt, und viele davon findet man außerhalb Griechenlands kaum.
Eine große Weinkultur mit schwieriger jüngerer Geschichte
Dass griechischer Wein international lange weniger präsent war als Wein aus Frankreich, Italien oder Spanien, hat historische Gründe. Auf Jahrhunderte osmanischer Herrschaft folgten Reblaus und Mehltau, zwei Weltkriege und politische Unruhen. Viele historische Weinlandschaften verloren dadurch erheblich an Bedeutung.
Ein entscheidender Neubeginn setzte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein. Besonders seit den 1980er-Jahren wurde der Weinbau modernisiert. Heute verbindet eine neue Generation von Weingütern moderne Kellertechnik und präzisere Weinbereitung zunehmend mit dem vielleicht größten Schatz des Landes: seinen alten Rebsorten und regionalen Weintraditionen.
Gebirge, Meer und Inseln – Griechenlands außergewöhnliches Terroir
Wer bei Griechenland ausschließlich an Sonne und mediterrane Hitze denkt, unterschätzt seine Topografie. Das Land ist stark gebirgig, viele Weinberge liegen in beträchtlicher Höhe. Gleichzeitig ist das Meer aufgrund der zerklüfteten Küsten und zahlreichen Inseln vielerorts nicht weit entfernt.
Höhe, Wind und nächtliche Abkühlung können die sommerliche Wärme deutlich relativieren. Dadurch können Trauben trotz hoher Sonneneinstrahlung ihre Frische bewahren. Hinzu kommt eine enorme geologische Vielfalt: Kalk, Lehm, Sand, Schwemmland und auf einigen Inseln vulkanische Böden schaffen sehr unterschiedliche Voraussetzungen für den Weinbau.
Entsprechend schwierig ist es, von einem einzigen „griechischen Weinstil“ zu sprechen. Die Weine des gebirgigen Festlands unterscheiden sich deutlich von denen des Peloponnes oder der Ägäisinseln. Genau diese Vielfalt macht Griechenland für neugierige Weintrinker heute so interessant.
Autochthone Rebsorten – der eigentliche Schatz Griechenlands
Während viele Weinländer im 20. Jahrhundert verstärkt auf international bekannte Sorten setzten, besitzt Griechenland bis heute einen außergewöhnlich großen Bestand heimischer Rebsorten. Namen wie Assyrtiko, Xinomavro, Agiorgitiko, Savatiano, Rhoditis, Malagouzia oder Fileri mögen zunächst ungewohnt wirken – geschmacklich eröffnen sie dafür Weinwelten, die sich kaum mit Chardonnay, Sauvignon Blanc oder Cabernet Sauvignon verwechseln lassen.
Genau darin liegt heute eine große Stärke des griechischen Weinbaus. Was früher im Export als Nachteil galt, weil die Rebsortennamen kaum jemand kannte, wird für Weinfreunde zunehmend zum Argument: Griechenland bietet eigenständige Aromen, Strukturen und Weincharaktere, die anderswo kaum zu finden sind.
Assyrtiko – Griechenlands berühmtester Weißwein
Keine griechische Weißweinsorte hat international so viel Aufmerksamkeit erlangt wie Assyrtiko. Ihre berühmteste Heimat ist Santorin. Dort wachsen die Reben auf kargen vulkanischen Böden unter außergewöhnlich trockenen und windigen Bedingungen. Traditionell werden sie sehr niedrig und teilweise korbartig erzogen, um Trauben und Triebe vor den starken Winden zu schützen.
Bemerkenswert ist die Fähigkeit von Assyrtiko, auch bei hoher Reife eine ausgeprägte Säurestruktur zu bewahren. Gute Exemplare können dadurch gleichzeitig kraftvoll, trocken, straff und erstaunlich frisch wirken. Die Rebsorte wird inzwischen auch außerhalb Santorins angebaut und gehört zu den wichtigsten Botschaftern des modernen griechischen Weins.
Retsina – viel mehr als ein Relikt aus dem Griechenlandurlaub
Kaum ein Weinstil prägt das Bild griechischen Weins so sehr wie Retsina. Sein Ursprung reicht weit zurück. In der Antike wurden Weinbehälter mit Harz abgedichtet, wodurch dieses seinen charakteristischen Geschmack an den Wein abgab. Aus der ursprünglichen Notwendigkeit entwickelte sich schließlich ein eigener Weinstil.
Heute wird Retsina gezielt erzeugt, indem während der Weinbereitung Harz der Aleppo-Kiefer eingesetzt wird. Lange war der Stil vor allem mit einfachen, ausgesprochen intensiv harzigen Weinen verbunden. Mittlerweile zeigen ambitionierte Produzenten, dass Retsina auch ganz anders schmecken kann: trocken, frisch und präzise, mit fein eingebundener Kräuter- und Harzaromatik statt dominanter Kiefernnote.
Gerade diese Entwicklung zeigt sehr schön, was im griechischen Weinbau derzeit passiert. Tradition wird nicht zwangsläufig aufgegeben – sie wird neu interpretiert.
Samos, Muscat und die große Tradition der Süßweine
Trockene Weine stehen heute häufig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, doch Griechenland besitzt ebenso eine jahrhundertealte Süßweintradition. Besonders bekannt ist die Ägäisinsel Samos, auf der Muscat eine zentrale Rolle spielt. Aus der aromatischen Rebsorte entstehen intensiv duftende Weine mit Noten von reifen Früchten, Blüten und Gewürzen.
Auch der Peloponnes besitzt bedeutende historische Süßweine. Mavrodaphne aus der Gegend um Patras gehört zu den bekanntesten Beispielen. Diese Weine zeigen eine weitere Seite Griechenlands und machen deutlich, wie weit das stilistische Spektrum des Landes reicht.
Griechischer Wein zwischen Tradition und Moderne
Der spannendste Teil der heutigen Entwicklung liegt vielleicht genau zwischen den Extremen. Auf der einen Seite stehen jahrtausendealte Rebsorten, traditionelle Weinlandschaften und historische Stile. Auf der anderen Seite arbeiten moderne, hervorragend ausgebildete Winzer mit zeitgemäßer Kellertechnik, biologischem Weinbau und neuen Vorstellungen davon, wie griechischer Wein schmecken kann.
Dabei gibt es nicht den einen richtigen Weg. Ein moderner, klar und fruchtbetont ausgebauter griechischer Weißwein kann ebenso spannend sein wie ein kompromisslos traditioneller Wein aus einer heimischen Rebsorte. Entscheidend ist, zu verstehen, wie der jeweilige Stil entsteht – und welcher davon dem eigenen Geschmack entspricht.
Genau deshalb lohnt es sich heute, Griechenland neu zu entdecken. Hinter den bekannten Bildern von Retsina und süßem Muscat verbirgt sich eines der eigenständigsten Weinländer Europas: mit alten Reben, ungewöhnlichen Rebsorten, extrem unterschiedlichen Landschaften und einer Weinszene, die ihre lange Geschichte zunehmend selbstbewusst in die Gegenwart übersetzt.